Sleek Bun, strahlende Haut, schlichte Kleidung. Auf den sozialen Medien und im echten Leben ist das gerade einer der angesagtesten Looks für viele junge Mädchen und Frauen. Hinter dem erstmal harmlos scheinenden Modetrend verbirgt sich jedoch auf den zweiten Blick weitaus mehr: Die sogenannte „Clean-Girl-Aesthetic“. Diese bezeichnet hauptsächlich weibliche Personen, die durch einen Lebensstil aus gesunder Ernährung, Hautpflege, Sport und Self Care nicht nur ein makelloses Aussehen, sondern auch ein scheinbar perfekt organisiertes Leben erreichen wollen. Die Grenze zwischen Self Care und toxischem Perfektionismus ist dabei fließend.
Entstanden ist das Phänomen des Clean Girls auf Social Media, verbreitet vor allem über Pinterest, Instagram und TikTok. Clean Girls können anhand mehrerer visueller Merkmale charakterisiert werden. Gibt man den Begriff auf einer der Plattformen ein, findet man eine Vielzahl an Bildern und Videos von schön angerichtetem Essen, farblich sortierten Hautpflegeprodukten und schlanken, meist weißen Mädchen mit makelloser Haut und dezentem Make-Up. Kleidung ist meist schlicht und in dezenten Tönen gehalten und wird mit Goldschmuck kombiniert. Es gibt Unmengen an Fotos und Videos zu Yoga und Pilates-Übungen, gesunde Rezeptideen für ‚Clean Eating‘, und Anleitungen für diverse Hautpflege- und Alltagsroutinen oder Make-Up-Looks. Alles ist minimalistisch und möglichst visuell ansprechend gestaltet, der Form wird ebenso viel Aufmerksamkeit geschenkt wie dem Inhalt.
Taucht man noch tiefer ein, erhält man umfangreiche Listen und Routinen, um selbst ein Clean Girl zu werden. Neben Ernährung, Aussehen und Sport geht es dabei auch um Psychohygiene und intensiver Arbeit an sich Selbst. Dabei sind die Listen meist so detailliert und umfangreich, dass es unrealistisch scheint, alle Schritte einzuhalten. Alles dreht sich um Selbstoptimierung, darum, die perfekteste und ‚reinste‘ Version von sich selbst zu werden.
Das Phänomen der Clean Girls ist nicht einfach im luftleeren Raum entstanden, sondern geprägt von kulturellen Codes, speziell denen der westlichen Kultur. Es spiegelt bestimmte Werte wider, die so tief in der Gesellschaft verankert sind, dass sie als gegeben wahrgenommen werden. Am offensichtlichsten ist die Verwendung des Begriffs ‚Clean‘, also sauber. Mit dieser Wortwahl zeigt sich schon die Essenz des Mythos. Es geht um ‚saubere‘ Mädchen, die sich dementsprechend von ‚unsauberen‘ Mädchen abheben. In der westlichen Gesellschaft ist der Begriff der Sauberkeit durchweg positiv konnotiert. Er bedeutet Reinheit, Schmutzlosigkeit, Fehlerlosigkeit, Anständigkeit und sogar Gottgefälligkeit. Kein einziger dieser Begriffe ist auf eine Weise negativ aufgeladen. Ganz im Gegenteil zu Unsauberkeit, was in der westlichen Kultur gleichbedeutend ist mit Verschmutzung, Schlampigkeit, Fahrlässigkeit und Unanständigkeit. Diese Unsauberkeit kann sich dabei vom optischen Aussehen bis hin zu Manieren sogar auf eine negative Sexualmoral beziehen. Es bedeutet dabei alles, was nicht gesellschaftstauglich ist. Sauberkeit fungiert dementsprechend nicht nur als hygienisches, sondern auch als moralisches und soziales Prinzip.
Sauberkeit agiert hier zudem als Marker sozialer Distinktion und kann symbolisch als Zeichen für Reichtum gesehen werden. In diesem Sinne sind die hellen, minimalistischen Outfits, der goldene Schmuck und die aufwendigen Tagesroutinen nicht nur ästhetische Entscheidungen, sondern signalisieren einen Zugang zu bestimmten Ressourcen. Das Clean Girl steht somit für eine Form sozialer Sauberkeit: Wer genug Geld für diesen Lebensstil hat, zeigt nicht nur Disziplin, sondern auch sozialen Status.
Die moralische Ebene des Mythos der Sauberkeit wurzelt in den bürgerlichen Normen der vergangenen Jahrhunderte und ist eng verknüpft mit dem Reinheitsmythos. In vielen religiösen Traditionen – besonders im Christentum, aber auch im Judentum und im Islam – steht Reinheit in enger Verbindung zu Weiblichkeit und Jungfräulichkeit. Die heilige Mutter Maria gilt als zentraler Punkt dieser Logik: Sie verkörpert gleichzeitig Mutterschaft und Fruchtbarkeit sowie makellose moralische Reinheit. An ihrem (utopischen) Beispiel wurden alle anderen Frauen gemessen.
Eine solch tief verankerte Tradition weitet sich zwangsläufig auf moderne Körperideale aus, auch wenn der religiöse Kontext nicht mehr explizit benannt wird. Reine, makellose Haut oder ein ‚unschuldiges‘, puppenhaftes Aussehen wecken Assoziationen an die kulturell tradierte Vorstellung der jungfräulichen Reinheit. In der christlich geprägten Symbolik wird dies etwa durch die Farbe Weiß als Sinnbild für Reinheit, Unschuld und Heiligkeit repräsentiert. Genau diese Farbgebung findet sich in den Clean Girls: dezent-elegante Kleidung, natürliches Make-up und ein fast engelhaftes Erscheinungsbild.
Gleichzeitig wirkt Reinheit auf religiöser Ebene immer auch als Kontrollmechanismus über weibliche Körper. Die dogmatischen Vorstellungen über Weiblichkeit und Sexualität dienten historisch dazu, Frauen in ihrer Handlungsmacht einzuschränken, sie kontrollierbar zu machen und schlussendlich auf eine Rolle der Pflege und Aufopferung für den Mann festzulegen. In der Clean-Girl-Ästhetik spiegelt sich diese Logik säkularisiert wider: Frauen gelten als ‚rein‘, und damit als angesehenes Mitglied der Gesellschaft, sofern sie gepflegt, makellos, diszipliniert und kontrolliert wirken.
Das Clean Girl kann daher als eine zeitgenössische Wiedergeburt religiöser Reinheitsmythen interpretiert werden. Ganz nach dem Sprichwort „Mein Körper ist mein Tempel“, der gepflegt, ordentlich und frei von „Verunreinigung“ sein soll. Statt Askese und Gebet folgt man Skincare-Routinen, macht Pilates und achtet auf „Clean Eating“, statt religiöser Reinheitsrituale geht es um Konsumpraktiken und Disziplinierungstechniken. Die zugrunde liegende Logik bleibt jedoch dieselbe: „Reinheit“ ist nicht nur synonym mit Sauberkeit, sondern steht ebenso für moralische Wertigkeit, die insbesondere auf den weiblichen Körper projiziert wird.

