0800-Shutdown-Aluhut

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sind wir mal ehrlich. Verschwörungstheorien a la Attila Hildmann und Konsorten sind die neuen Opinion-Leader der Generation „What the fuck, why?“ Man kann von Attila Hildmann halten was man will, aber er hat sich schon vor Corona nicht gerade mit Weisheit geschmückt. Wer vor den Augen seiner Kritiker öffentlich eine Kuh schlachten möchte, scheint leicht einen an der Waffel zu haben. Aber es immer leicht, das aus einer gewissen Distanz zu sagen. Ich denke, für die meisten von uns ist das Thema Verschwörungstheorien relativ weit weg. Es sind immer die Anderen, die Niveaulosen, leicht Beeinflussbaren, die sich wie Fliegen in das Netz einer großen toxischen Spinne ziehen lassen. Aber was macht man eigentlich, wenn im engeren Familien- oder Freundeskreis alternative Fakten verbreitet werden? Ich spreche hier schließlich von Personen, denen ich einen gewissen Intellekt zugesprochen habe. Anders, als auf Facebook oder Twitter kann ich hier nicht einfach deabonnieren oder blockieren, um entsprechende Inhalte nicht mehr sehen zu müssen. Es braucht Alternativen, um dem Konflikt Herr zu werden. Ansprechen, ignorieren oder mit erhobenem Zeigefinger das Gegenteil beweisen? Ich stehe vor einem nicht enden wollenden Rätsel.

Spätestens als mich ein Anruf ereilte, in dem mir unter Tränen erklärt wurde, dass ich aufwachen und das große Ganze sehen müsse, war ich mir unsicher, ob ich oder sie noch alle Tassen im Schrank hatte. Wie ein Backstein mitten ins Gesicht, war ich mit einer Situation konfrontiert, die ich nur aus Best-Of-Twitter-Seiten kannte. Wie ich damit umgehen sollte? Keine Ahnung.

Aber jetzt mal unter uns: Uns allen ist bewusst, dass wir in einer Pandemie leben, die sich Wohl oder Übel noch etwas hinziehen wird. Homeoffice, puzzeln und ein bisschen Yoga können einem die Situation versüßen, aber alles scheint wie mit einem grauen Schleier überzogen, wenn ich darüber nachdenke, dass mir nahe stehende Personen die Pandemie für beendet erklären und sich gegen gesundheitliche Auflagen wehren. „Die Pandemie ist doch schon lange vorbei“, „den Virus gibt es nicht“ oder „der Virus wird instrumentalisiert, um uns alle zu kontrollieren“ sind da noch harmlose Schuldzuweisungen, die der Welt vor die Füße gekotzt werden.

Nun, weil ich ein konfliktscheuer Mensch bin, habe ich meinen ersten Versuch damit gestartet Verständnis für Verunsicherung zu zeigen. Aber, als das die Situation nicht verbessert hat, habe ich angefangen die Situation zu ignorieren. Die Tatsache, dass ich in der Zeit auch noch bei der sogenannten „Lügenpresse“ arbeitete und laut „Experten“ täglich ein persönlich von Bill Gates verfasstes Fax bekäme, in der die Tagesdispo aufgelistet sei, war der Situation nicht gerade zuträglich. Doch Ignorieren ist irgendwie auch keine Lösung. Also gab es nur eine Möglichkeit. In stiefmütterlicher Detailarbeit habe ich mich daran gemacht, einen ebenso missionarischen Auftrag im Namen der Wissenschaft zu erfüllen. Nachdem mir das x-te Aluhut-Video geschickt wurde, habe ich mir eins gepickt und jede Aussage auf Richtigkeit überprüft und mit Fakten ausgehebelt. Wie eine Besessene habe ich mich für zwei Stunden in einen Tunnel voller Vorfreude und Siegessicherheit begeben, mit der inneren Gewissheit: Das ist die Lösung. Damit werde ich Erfolg haben. Die Arbeit war vollbracht. Mein Monolog, den ich dazu vorbereitet hatte, einstudiert und meine Stimme geölt. Ich war bereit für den ultimativen Test. Ich rufe besagte Person zurück und erntete beim ersten Versuch das Thema erneut anzuschneiden: „Was glaubst du denn auf wessen Fakten, deine sogenannten ‚Fakten‘ basieren? Schau’ dir lieber mal an, wer das RKI finanziert“.

Und an dieser Stelle muss ich sagen, habe ich aufgegeben. Ich habe noch keinen Weg gefunden, wie ich mit dem Aluhut innerhalb der Familie bzw. des Freundeskreises umgehen soll. Sollte es jemanden da draußen geben, der eine Patentlösung hat, wie ich eine verlorene Seele retten kann, steht mein Seelsorgetelefon bereit. 0800-Shutdown-Aluhut. Call me!

Du willst mehr lesen? Kein Problem! Auf meinem Blog catchmerandom findest du weitere Kolumnen von mir.

Autorin:

Janna