Denkmalkultur der Sinti*zze und Rom*jas

Die Debatte um das Denkmal der Sinti*zze und Rom*nja

 

Hand mit Flagge vor Gedenktafel

 

Die Geschichte der Sinti*zze und Rom*nja ist eine Geschichte oft ohne Menschenrechte und ohne eigenes Land und ohne viel Sichtbarkeit und Anerkennung. Jährlich findet daher am internationalen Widerstandstag der Rom*jas und Sinti*zze eine Gedenkveranstaltung am Denkmal der im Nationalsozialismus ermordeten Sinti*zze und Rom*nja statt. Dieses ist derzeit von Bauplänen der Deutschen Bahn gefährdet und Victoria sprach mit den Organisatoren Hamze Bytyci und Luna del Rosa über die Bedeutung der Denkmalkultur.


CouchFM Logo der Sendungsreihe "Gesprächsstoff". Ikonischer Fernsehturm vor Skyline in Mint und Grau.

GESPRÄCHSTOFF

 

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Gegenwärtige Situation von Rom*jas und Sinti*zzen

Sinti*zze und Rom*nja ist die kollektive Bezeichnung einer von vier anerkannten Minderheiten in Deutschland. Mit ca. 12 Mio. Menschen weltweit ist sie Europas größte Minderheit. Die meisten von ihnen leben heute in Osteuropa.

Der Alltag von Sinti*zzen und Rom*njas ist oft einer ohne Menschenrechte, ohne eigenes Land und ohne Sichtbarkeit und Anerkennung. So heterogen die ethnische Minderheit sein mag, es eint sie ihre Geschichte eines Traumas: die Erfahrung des Holocausts – auf Romanes “Porajmos” – das Verschlingen.

Institutionelle und gesellschaftliche Ablehnung und struktureller Rassismus sind für viele Sinti*zze und Rom*njas alltäglich. Keine oder prekäre Lohnarbeit, Ghettoisierung, kein Anspruch auf Asyl – Weil die Länder, aus denen sie emigrieren als sog. „Sichere Herkunftsländer“ eingestuft werden- , kaum gesundheitliche Versorgung und Bildung.

Nach Angaben der Polizei steigen rassistisch motivierte Straftaten gegen Rom*njas und Sinti*zze jährlich. Die Leipziger Studie von 2020 “Autoritäre Dynamiken: Alte Ressentiments – neue Radikalität” des Psychosozial-Verlags verdeutlicht, dass Stigma und gesellschaftliche Intoleranz für Sinti*zze und Rom*jas noch immer Alltag ist. So stimmten mehr als die Hälfte der Deutschen der Aussage “Sinti und Roma neigen zur Kriminalität” zu. 41,9%  sagten, “Ich hätte Probleme damit, wenn sich Sinti und Roma in meiner Gegend aufhalten.”

21.05: Widerstandstag der Rom*jas und Sinti*zze

Gegenüber des Reichstags versammeln sich jährlich am 16.05. Menschen am Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti*zze und Rom*njas in Europa: Es ist der weltweite Widerstandstag für die Gemeinschaft. Dieses Datum geht auf ein Ereignis im Konzentrationslager Auschwitz Birkenau zurück. 1944 kam es eben an diesem Tag zu einem Aufstand von Sinti*zzen und Rom*njas. Nach dem Beschluss, das KZ zu schließen, veranlasste die SS die Vergasung aller Häftlinge. Rund 6000 Widerstandskämpfer*innen verhinderten den Plan zum Teil und retteten zahlreichen Menschen das Leben. Im Nationalsozialismus wurden ca. 500.000 Rom*jas und Sint*izze europaweit ermordet.

Um an die Geschichte zu erinnern, ist für Hamze Bytyçi, Organisator der Roma Biennale und Luna De Rosa, Mitglied von Roma Trials, der Widerstandstag und das Denkmal besonders wichtig:

“Viele der Menschen, die ihr Leben verloren haben, die haben keine Gräber und das ist der Ort, an dem sie zusammenkommen können“, sagt Hamze Bytyçi. 

 

Mann vor Mikrofon
Hamze Bytyçi während der Kundgebung | © V Atanasov

 

“Many of us, Roma and Sinti, we are afraid and we In some way we shade our roots because we are afraid about the discrimination. We have to take this moment to resist and to fight together. It’s to take this memory and to just change this experience, this bad experience that we had in the past and that we continiue to have into the positive. also to make more knowledge about our culture in case of the roma.” (Luna del Rosa)

Das Denkmal

 

Ein runder Teich, dessen Boden schwarz in die Leere schaut. Zwei Enten schwimmen an der glatten Oberfläche, in der Mitte des Teiches befindet sich ein schwarzes Dreieck, auf diesem liegt einsam eine orangene Blüte. Das Dreieck soll an den Winkel erinnern, mit dem die Kleidung der KZ-Häftlinge markiert wurde.

 

 

Rundes Becken; Umrandet von Bäumen; Dahinter Reichstag; Foto schwarz weiß
Denkmal der im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma; im Hintergrund der Reichstag | © V Atanasov

 

 

 

Gedenktafel
Eingang des Denkmals der im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma | © V Atanasov

 

Im Hintergrund ragt der Reichstag hinter den Bäumen vor. Die Melodie des Stücks “Mare Manuschenge” von Romeo Franz mischt sich mit den Stimmen der Vögel. Am Rand des Brunnens steht das Gedicht “Auschwitz” von Santino Spinelli:

 

Wasserbecken mit Dreieck in der Mitte, darauf eine Blume
Orangene Blüte auf dem Dreieck im Teich | © V Atanasov


“Eingefallenes Gesicht / erloschene Augen / kalte Lippen / Stille / ein zerrissenes Herz / ohne Atem / ohne Worte / keine Tränen”

 

Wasserbecken mit roten Rosen
Rosen werden in Gedenken an die ermordeten Sinti*zze und Rom*jas abgelegt | © V Atanasov

 

Die Diskussionen um das Mahnmal zeigen, wie fern die Aufarbeitung Deutscher Geschichte ist. Sint*zze und Rom*njas seien keine Opfer des NS-Regimes gewesen, lautet ein Argument gegen die Gedenkstätte. Daher gab es auch bis in die 80er Jahre weder eine Aufarbeitung noch eine offizielle Anerkennung des Verbrechens, geschweige denn eine Entschädigung an Betroffene des Völkermordes. Bei der Umsetzung des Denkmals gab es Konflikte zwischen Künstler und Auftraggeber, dem Land Berlin – z.B. über die rassistisch besetzten Begriffe, die in den Infotafeln verwendet werden. 2020 kam es dann erneut zu Auseinandersetzung, da der Schutz des Denkmals durch ein Bauvorhaben der Deutschen Bahn gefährdet wurde. Das Unternehmen Deutsche Bahn – wohlgemerkt die Nachfolge der Deutschen Reichsbahn, die mit dem Transport von Menschen nach Auschwitz Profite machte – plant den Bau einer S-Bahn-Linie, Genau dort, wo das Denkmal heute steht. 

Hoffnung auf politische Reaktionen scheint für viele Rom*jas und Sint*izze eher vergeblich, sagt Hamze Bytyci: “Die Politik hat das für sich schon eher abgeschlossen. Was ist aber wichtig, wichtig ist, dass die Menschen auf der Straße realisieren. Deshalb müssen wir die Gesellschaft näher einbeziehen.” 

Mit Denkmälern, Kunst und Bündnissen sowie Protestaktionen kann dies gelingen. Erinnern ist dabei eine der wichtigsten und wirkungsvollsten Strategien, um gesehen zu werden. Es ermöglicht Heilung für Betroffene und Konfrontation für Nicht-Betroffene:

 “Nicht gesehen, nicht erkannt zu werden, unsichtbar zu sein für andere, ist wirklich die existentiellste Form der Missachtung. Die unsichtbar sind, die sozial nicht wahrgenommen werden haben keine Gefühle, keine Bedürfnisse, keine Rechte. Ihre Äußerungen werden überhört, ihre Gesten werden übersehen”
(Carolin Emcke aus: “Gegen den Hass”)

 

Weiterführende Links und Quellen

Website der Roma Biennale mit vielen Veranstaltungshinweisen und Informatione über die Gemeinschaft der Rom*jas und Sinti*zze

Website von Roma Trial e.V., mit Informationen zu Projekten, es findet sich dort auch die Stellungnahme zur Denkmal-Debatte

Sendung des Deutschlandfunks zum Hören und Lesen

Zur Geschichte der Rom*jas und Sinti*zze, Website des Roma International Antidiscrimination Networks.

 


Autorin:

Victoria Atanasov
Victoria